Partnerschaft auf allen Ebenen – Neulinger Gemeinderat besuchte erstmals seit 2009 die italienische Partnergemeinde Rubiera und informierte sich über wichtige kulturelle und soziale Einrichtungen – weiterer Ausbau der Beziehungen angestrebt

Die Freundschaft zwischen Neulingen und seiner italienischen Partnergemeinde Rubiera genießt in beiden Gemeinden einen sehr hohen Stellenwert und wird auf allen Ebenen gepflegt. Ein besonderes Ereignis war jetzt der Besuch des gesamten Neulinger Gemeinderates in Rubiera, der erste seit dem Jahr 2009. Begegnungen, Gespräche und die Information über wichtige soziale und kulturelle Einrichtungen der italienischen Partnergemeinde standen im Mittelpunkt des Besuchsprogramms. Offizieller Höhepunkt war ein Empfang im Palazzo Sagrati, dem Rathaus von Rubiera, den Bürgermeisterin Lorena Baccarani zu Ehren der deutschen Delegation mit Bürgermeister Michael Schmidt und Rubieras Ehrenbürger Heinrich Furrer an der Spitze gab.

Neue Freundschaften und Traditionen seien entstanden seit den ersten Kontakten zwischen den beiden Gemeinden vor mehr als 25 Jahren, erklärte Baccarani. Der regelmäßige Jugendaustausch hat seither viele hundert junge Menschen zusammengeführt. Als konsequente Fortsetzung habe sich mittlerweile auch die regelmäßige Begegnung von Erwachsenen etabliert. Darüber hinaus sind viele herzliche Freundschaften zwischen einzelnen und Familien aus den beiden Gemeinden entstanden. Neulingens Bürgermeister Michael Schmidt unterstrich die Bedeutung der Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene als einen besonders sinnvollen und fruchtbaren Weg zur Verwirklichung einer europäischen Idee. Heinrich Furrer, Gemeinderat und Vorsitzender des deutsch-italienischen Freundeskreises Neulingen, forderte: „Wir müssen wieder einmal über Menschen reden, nicht nur über Probleme und Finanzkrisen." Die Begegnung zwischen den Menschen beider Gemeinden sei ein Projekt des Friedens, an dem man weiterarbeiten werde.

Voneinander zu lernen, zu sehen, wie es der andere macht, sieht man in Rubiera wie in Neulingen als wichtiges Element der Partnerschaft an.

Eine herausragende Bedeutung hat Rubieras „Centro Sociale", das die Neulinger Delegation besuchte. Es ist nicht nur ein Treffpunkt vieler, vor allem älterer Bürger, die dort für kleines Geld das Café besuchen, oder auch nur die Zeitung lesen, Fußball schauen oder Boccia spielen können. Es ist auch ein wichtiges medizinisches Zentrum und beherbergt zudem wichtige Hilfsdienst wie das Rote Kreuz oder den Blutspendedienst, die sich in Rubiera zahlreicher Mitglieder und Helfer erfreuen.

Im Hof des „Centro Sociale" begegneten die Neulinger Gäste einem „alten Bekannten". Seit 2005 steht dort die Skulptur „Freundschaft" des Bildhauers Jean-Pierre Morlais, ein Geschenk Neulingens an Rubiera aus Anlass des damaligen 15-jährigen Bestehens der Gemeindepartnerschaft.

Zwei bedeutende kulturelle Einrichtungen Rubieras standen ebenfalls auf dem Programm. Die große öffentliche Gemeindebibliothek im Palazzo Civico an der Via Emilia bietet neben zehntausenden von Büchern und anderen Medien auch ruhige Räume zum Lernen und Studieren. Geleitet wird die hochgeschätzte Einrichtung von der aus Deutschland stammenden Dagmar Göttling, die während der Besuchstage für die Gäste aus Neulingen auch dolmetschte.

Der eigene Literaturbestand wird ergänzt durch eine gut funktionierende Fernleihe, der Bibliothekskatalog bietet Übersicht über den Literaturbestand der gesamten Provinz Reggio Emilia. „Sämtliche Medien sind konsequent nach Themenbereichen und nicht nach Gattungen wie Romane, Sachbücher etc. aufgestellt", erläutert Göttling. So findet man an einer Stelle alles zu einem Thema. Die Bücherei verfügt über 18 Internetplätze und über eine hochmoderne Ausleihstation, auf die der Nutzer nur seine Bücher und den Büchereiausweis legen muss und alle Verbuchungen und das Ausschalten der Diebstahlsperre am Ausgang automatisch erfolgen.

Gleich zwei auch überörtlich bedeutsame kulturelle Einrichtungen beherbergt der alte Gebäudekomplex des Ospitale am Ortsrand von Rubiera. „La Corte Ospitale" widmet sich der Theaterforschung und dem experimentellen Theater. „Häufig sind ganze Ensembles zu Gast, die über mehrere Tage an ihren künstlerischen Programmen arbeiten und auch hier nächtigen", erläutert Emanuele Cavallaro. Der stellvertretende Bürgermeister von Rubiera, der als Assessor unter anderem für den Bereich „Kultur" zuständig ist, hatte die kundige Führung durch die Anlage übernommen. Der Verein „Linea di Confine" hat zeitgenössische Fotografie zum Gegenstand und widmet sich im Schwerpunkt dem Thema „Landschaft und ihr Wandel". Der imposante Bau des Ospitale stammt aus dem Jahr 1531. Mehr als zwei Jahrhunderte, bis zum Jahr 1765, diente es Pilgern als wichtige Zwischenstation auf dem Weg nach Rom. Sie konnten dort kostenlos eine Nacht verbringen und wurden auch verköstigt. In einigen „Jubeljahren" mit besonderen Festlichkeiten in der Ewigen Stadt beherbergte das Ospitale bis zu 9.000 Pilger im Jahr. Damals floss der Fluss Secchia noch direkt an dem Gebäude vorbei. Ihn konnten die Pilger auf Booten überqueren, die Anlegestelle am Ospitale ist noch zu sehen. Mittlerweile hat der Fluss sein Bett verlegt und fließt in mehr als einem Kilometer Entfernung vom Ospitale. Ein Beispiel für die Macht der Natur. Noch viel gewaltigere Naturkräfte entluden sich bei den Erdbeben im Mai 2012, von denen die Provinz Reggio Emilia stark betroffen war. Das Erschrecken über die Erdstöße war auch in Rubiera groß, Schäden an Gebäuden sind allerdings kaum entstanden. Ganz im Gegensatz zum nördlichen Rand der Provinz, kaum vierzig Kilometer entfernt. Aus Anlass des Bebens und seiner Zerstörungen hat Vizebürgermeister Emanuele Cavallaro ein Buch mit Geschichten aus der Region verfasst, das den Titel „Sette storie per ricominciare" („Sieben Geschichten zum Neuanfangen") trägt und aus dessen Erlös Erdbebenopfern geholfen wird. Eine weitere Station es Informationsprogramms war der kommunale Kindergarten „L’Albero Azzurro", zu dessen 236 Besuchern auch 16 behinderte Kinder gehören.

[Auch mit der reichhaltigen kulinarischen Tradition in Rubiera machte sich die deutsche Delegation vertraut. Beim Besuch der „Nuova Latteria" im Ortsteil Fontana" gaben Giuliano Romoli und Heinrich Furrer Einblick in die Herstellung von Parmigiano Reggiano. 35.000 Liter Milch werden hier täglich zu jeweils 70 Käselaiben verarbeitet, die dann bis zu zwei Jahre und länger heranreifen und in dieser Zeit laufend betreut werden. Im imposanten Käselager öffnete der neue Molkereileiter Emilio Anceschi für die deutschen Gäste einen großen Käselaib auf traditionelle Weise mit dem Käsemeißel.

Im Ortsteil San Faustino erhielten die Besucher aus Neulingen in einer kleinen Manufaktur für Balsamico-Essig Einblick in die Kunst der Balsamico-Herstellung. Essigmacher Lauro Pagani zeigte, wie aus gutem Wein, vielen Fässern aus unterschiedlichen Holzarten und sieben bis 40 Jahren Geduld die köstliche Essenz entsteht. Die ist auf vielseitigste Weise verwendbar, nicht zuletzt als Begleiter von Parmigiano Reggiano oder Erdbeeren.

An Rubieras Spitze stehen im kommenden Frühjahr Veränderungen an. Nach zehn Jahren im Amt kann Bürgermeisterin Lorena Baccarani von Rechts wegen nicht erneut kandidieren. Zudem wird, wie in Deutschland, ein neuer Gemeinderat gewählt. Beide Seiten unterstrichen den Willen, die Freundschaft jenseits personeller und politischer Veränderungen weiter zu entwickeln. „Der Austausch zwischen den Völkern ist unabdingbar dafür, friedlich miteinander zu leben", erklärte Marco Benati von der oppositionellen „Il popolo della Libertà". Paolo Avanzi von der Mehrheitsfraktion „Unitì per Rubiera", als jahrzehntelanger Mitorganisator des Jugendaustausches und Neulinger Ehrenbürger bestens bekannt, würdigte insbesondere das große Netz von Familien, das sich im Laufe der Zeit aufgebaut hat, und die Kinder und Jugendlichen während des Austausches beherbergt.

„Wir wollen diese Freundschaft mit Euch noch intensiver erleben und freuen uns auf die gemeinsame Zukunft mit unseren Freunden in Rubiera", erklärte Neulingens Bürgermeister Michael Schmidt an die Adresse der Gastgeber. Im nächsten Jahr soll es einen Gegenbesuch des italienischen Gemeinderates in Neulingen geben.

 

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